– „Wer über die Zukunft des Neusiedler Sees spricht, sollte auch seine Vergangenheit kennen. Der See war nie konstant. Er unterlag über Jahrhunderte starken Schwankungen, trocknete mehrfach aus und erreichte in anderen Phasen beträchtliche Ausdehnungen. Gleichzeitig hat der Mensch erheblich in seinen Wasserhaushalt eingegriffen. Wer heutige Veränderungen ausschließlich dem Klimawandel zuschreibt, betrachtet daher nur einen Teil der Realität“, erklärt FPÖ-Klubobmann Christian Ries.
Um 1740, 1811 bis 1813 und 1865 bis 1871 kam es zu weitgehenden Austrocknungen. Im 18. Jahrhundert erreichte der See hingegen Ausdehnungen von über 500 Quadratkilometern. Auch im 19. Jahrhundert wechselten innerhalb weniger Jahre extreme Hoch- und Niedrigwasserstände.
„Das ist kein Argument, untätig zu bleiben. Es ist jedoch ein Argument gegen Panikreaktionen. Der Neusiedler See war stets ein hochdynamischer Steppensee.“
Ein vom Menschen verändertes Wassersystem
Ries verweist darauf, dass der See historisch nicht isoliert war. Neusiedler See und Hanság/Waasen bildeten ein großräumiges, zusammenhängendes Wasser- und Feuchtgebiet. Über Ikva, Rabnitz und Kleine Raab bestanden Verbindungen zum Flusssystem von Raab und Donau.
Dämme, Entwässerungsgräben, Flussregulierungen und schließlich der ab 1895 errichtete Einser-Kanal veränderten dieses System grundlegend. Wasser wurde gezielt aus den Feuchtgebieten abgeleitet, der Hanság entwässert und die hydrologische Verbindung zwischen See und Umland zunehmend unterbrochen.
„Über Generationen hinweg wurden technische Maßnahmen gesetzt, um Wasser möglichst rasch aus der Landschaft abzuleiten. Heute diskutieren wir mit erheblichem finanziellem und technischem Aufwand darüber, Wasser wieder in das System einzubringen. Dieser Widerspruch muss aufgearbeitet werden.“
Auch die von Prof. Otto Koenig beschriebenen unterirdischen Wasserbewegungen sollten in einer umfassenden Analyse des regionalen Wasserhaushalts berücksichtigt werden. „Bevor Milliarden in neue Zuleitungssysteme investiert werden, müssen wir fundiert klären, woher das Wasser kommt, wohin es fließt und wo es im System verloren geht.“
Wasser in der Region halten
Für Ries muss die gesamte Wasserwirtschaft des Sees und des Seewinkels neu bewertet werden. Dazu zählen die Überprüfung und gegebenenfalls der Rückbau historischer Entwässerungsmaßnahmen, ein effizienter Umgang mit Kanälen, Gräben und Schleusen sowie die Prüfung, ob frühere Wasserverbindungen zumindest teilweise reaktiviert werden können.
Auch der Schilfgürtel müsse in diese Betrachtung einbezogen werden. Ries fordert ein wissenschaftlich begleitetes Schilfmanagement, das über rein oberflächliche Maßnahmen hinausgeht.
„Wo eine Reduktion des Schilfbestandes ökologisch sinnvoll ist, muss geprüft werden, wie überalterte Bestände nachhaltig geöffnet werden können. Dazu gehört auch die Frage, ob Schilf samt Rhizom- und Wurzelmaterial gezielt entnommen werden muss. Ein bloßes Zurückschneiden ohne nachhaltiges Konzept kann jedenfalls keine langfristige Lösung sein.“
Ebenso müsse die Landwirtschaft ihren Beitrag leisten: effizientere Bewässerungssysteme, geringere Wasserverluste und verstärkter Anbau standortangepasster, wassersparender Kulturen.
„In einer der trockensten Regionen Österreichs kann nicht so gewirtschaftet werden, als stünde Wasser unbegrenzt zur Verfügung.“
Erst erhalten, dann zuführen
Ries abschließend: „Der Neusiedler See ist kein unberührtes Naturreservat, sondern Teil einer über Jahrhunderte vom Menschen mitgestalteten Kulturlandschaft. Deshalb müssen wir auch heute verantwortungsvoll handeln: Entwässerungssysteme dort überprüfen und gegebenenfalls zurückbauen, wo sie Wasser unnötig aus der Region abführen, den Schilfgürtel nachhaltig bewirtschaften, Wasser in der Landwirtschaft effizient einsetzen und möglichst viel Niederschlag in der Landschaft halten. Erst wenn diese Grundlagenarbeit geleistet ist, kann seriös beurteilt werden, ob und in welchem Ausmaß zusätzliche Wasserzufuhr erforderlich ist. Der See braucht keine Panik – er braucht eine sachliche und nachhaltige Wasserpolitik, denn er ist der Wirtschaftsmotor in der Region um den See.“
17. August 2026
Neusiedler See: Wasser sichern statt Panik verbreiten
Historische Eingriffe evaluieren – Entwässerungssysteme überprüfen – Schilfgürtel nachhaltig bewirtschaften – Landwirtschaft an Wasserverfügbarkeit anpassen