27. Juli 2026

Unsere Bauern können von Sonntagsreden nicht leben – die ÖVP muss nach Jahrzehnten der Verantwortung endlich liefern

Bundesrat Thomas Karacsony – Obmann der Freiheitlichen Bauernschaft Burgenland

Immer mehr Bäuerinnen und Bauern melden sich bei mir. Und der Tenor ist überall derselbe: So kann es nicht weitergehen. Die Kosten laufen davon, die Produktpreise liegen am Boden, die Bürokratie wächst – und viele Familienbetriebe fragen sich mittlerweile ganz offen, wie lange sie unter diesen Bedingungen noch weitermachen können.

Wir waren bei Bauerndemonstrationen, Bauern sind mit ihren Traktoren zweimal nach Wien und nach Parndorf gefahren. Es wurden Forderungspapiere an den Bundeskanzler und Finanzminister übergeben, unzählige Versammlungen abgehalten. Sie haben Zeit, Geld und Diesel investiert, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Gefordert wurden unter anderem weniger Bürokratie, faire Rahmenbedingungen, eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung und echte Entlastungen. Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig bezeichnete diese Forderungen selbst als „völlig berechtigt“. Da stellt sich für mich heute eine ganz einfache Frage: Was ist seither tatsächlich bei den Bauern angekommen?

Wenn Forderungen berechtigt sind, dann muss ein Landwirtschaftsminister handeln. Die Bauern brauchen keine weiteren Arbeitsgruppen, Ankündigungen und Schulterklopfer. Sie brauchen Maßnahmen, die sich am Betriebskonto bemerkbar machen.

Die Situation auf vielen Höfen ist mittlerweile dramatisch. Trockenheit und Hitze setzen den Kulturen zu, gleichzeitig bleiben die Erzeugerpreise niedrig. Weizen bewegt sich in einer Größenordnung um 180 Euro je Tonne. Das sind 18 Cent für ein Kilogramm Weizen – und davon müssen Saatgut, Dünger, Pflanzenschutz, Maschinen, Reparaturen, Pacht, Sozialversicherung und Treibstoff bezahlt werden.

Auf der anderen Seite sind gerade die Sprit- und Düngemittelkosten stark gestiegen. Diesel ist zeitweise auf über zwei Euro je Liter geklettert. Selbst der Landwirtschaftsminister musste einräumen, dass Österreich beim Agrardiesel im europäischen Vergleich besonders hoch belastet ist.

Und was macht die Politik? Die frühere Entlastung beim Agrardiesel ist Ende 2025 ausgelaufen. Jetzt wird die Wiedereinführung groß angekündigt – aber im Doppelbudget 2027/28. Dafür sollen insgesamt 100 Millionen Euro bereitgestellt werden.

Das ist ungefähr so, als würde man einem Ertrinkenden zurufen: Halte noch ein bisschen durch, nächstes Jahr werfen wir dir vielleicht einen Rettungsring zu.

Unsere Traktoren fahren aber heute. Die Ernte wird heute eingebracht. Die Rechnungen kommen heute.

Gleichzeitig steigen für viele bäuerliche Betriebe auch die Sozialversicherungsbelastungen. Bei pauschaler Beitragsgrundlage wurde für 2026 eine Anpassung um 7,3 Prozent berichtet. Wieder höhere Fixkosten – unabhängig davon, ob der Weizenpreis passt, ob es regnet oder ob eine Ernte ausfällt.

Besonders absurd wird es beim Blick auf die Wertigkeit unserer Lebensmittel. Für eine zurückgebrachte Einwegflasche oder Dose gibt es 25 Cent Pfand. Gleichzeitig wurden bei Erdäpfeln Erzeugerpreise von rund 15 Cent pro Kilogramm berichtet.

Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen: Für die Verpackung gibt es 25 Cent Pfand – für ein Kilogramm Lebensmittel bekommt der Bauer teilweise weniger.

Damit sage ich nicht, dass das Pfandsystem falsch ist. Aber dieser Vergleich zeigt schonungslos, wie wenig Wert wir mittlerweile jener Arbeit beimessen, die unsere Lebensmittel hervorbringt.

Und dann präsentiert uns die Bundesregierung die Mehrwertsteuersenkung auf ausgewählte Lebensmittel als großen Wurf. Natürlich ist jede Entlastung für die Konsumenten grundsätzlich zu begrüßen. Aber eine Mehrwertsteuersenkung garantiert noch lange keinen fairen Erzeugerpreis.

Der Bauer bestimmt den Preis im Supermarkt nicht. Der einzelne Landwirt bestimmt auch nicht den Weltmarktpreis für Getreide. Zwischen Acker und Supermarktregal liegen Verarbeitung, Handel, internationale Märkte und enorme Marktmacht. Genau deshalb müssen wir endlich darüber reden, welcher Anteil des Verkaufspreises tatsächlich bei jenen Menschen ankommt, die das Lebensmittel erzeugen.

Und hier kommt die politische Doppelmoral der ÖVP ins Spiel.

Wo ist eigentlich die sogenannte Bauernpartei?

Die ÖVP prägt die österreichische Agrarpolitik seit Jahrzehnten maßgeblich. Sie stellte über lange Zeit Landwirtschaftsminister, ist eng mit Bauernbund und Landwirtschaftskammern verbunden und hat über ihre europäischen Vertreter die Gemeinsame Agrarpolitik mitgestaltet. Man kann daher nach rund vier Jahrzehnten politischer Verantwortung nicht so tun, als wären sämtliche Fehlentwicklungen plötzlich vom Himmel gefallen oder ausschließlich „in Brüssel“ entstanden.

Brüssel besteht nicht aus irgendwelchen unbekannten Leuten. Dort sitzen Parteien, Minister und Abgeordnete, die Entscheidungen mitverhandeln und mittragen.

Gerade deshalb wirkt es unglaubwürdig, wenn dieselben politischen Strukturen heute bei Bauernprotesten vorne stehen und Forderungen erheben, für deren Umsetzung sie selbst seit Jahren politische Verantwortung tragen.

Ich frage deshalb: Wofür sind unsere Bauern zu den Demonstrationen gefahren? Damit anschließend wieder schöne Fotos gemacht und wohlklingende Aussendungen geschrieben werden? Oder damit sich tatsächlich etwas ändert?

Die Bauern brauchen keine Funktionäre, die ihnen erklären, wie schlecht es ihnen geht. Das wissen sie selbst, wenn sie am Monatsende ihre Rechnungen aufmachen.

Auch die Corona-Zeit sollte uns eigentlich etwas gelehrt haben. Damals wurde plötzlich jedem bewusst, wie wichtig Versorgungssicherheit und heimische Lebensmittelproduktion sind. Auf einmal waren Regionalität, Selbstversorgung und kurze Lieferketten in aller Munde.

Heute scheint vieles davon wieder vergessen.

Wir müssen uns entscheiden: Wollen wir in Österreich weiterhin Bauern haben, die Lebensmittel produzieren? Oder wollen wir unsere Bauern Schritt für Schritt zu Landschaftspflegern machen, die mit Förderungen dafür entschädigt werden, dass sie eine schöne Kulisse für Tourismus und Sonntagsausflüge erhalten?

Unsere Kulturlandschaft ist wichtig. Aber sie ist entstanden, weil Generationen von Bauern dieses Land bewirtschaftet haben – nicht weil irgendeine Verordnung in Brüssel eine Landschaftspflegeprämie erfunden hat.

Landwirtschaft muss wieder davon leben können, Lebensmittel zu produzieren.

Selbst der frühere österreichische Landwirtschaftsminister und EU-Agrarkommissar Franz Fischler hat sich mit der Frage beschäftigt, wie das Fördersystem verändert werden muss. Diese Diskussion ist notwendig. Ein System, in dem ein Betrieb wirtschaftlich kaum mehr überleben kann und gleichzeitig immer stärker von Förderungen, Auflagen und Kontrollen abhängig wird, muss grundsätzlich hinterfragt werden.

Förderungen dürfen kein Schweigegeld für unrentable Erzeugerpreise sein.

Wir brauchen faire Rahmenbedingungen, weniger Bürokratie, eine konsequente Herkunftskennzeichnung, Schutz vor unfairen Importen und eine Agrarpolitik, die kleine und mittlere Familienbetriebe wieder in den Mittelpunkt stellt. Und wir brauchen eine wirksame Entlastung beim Agrardiesel jetzt – nicht irgendwann.

Vor allem brauchen wir wieder Respekt vor dem Wert heimischer Lebensmittel.

Wenn eine Pfandflasche 25 Cent wert ist, ein Bauer aber für ein Kilogramm Erdäpfel teilweise nur 15 Cent bekommt und für ein Kilogramm Weizen in einer Größenordnung von 18 Cent arbeitet, dann stimmt etwas im System nicht mehr.

Als Landwirt sage ich ganz klar: Unsere Bauern wollen nicht von Förderungen abhängig sein. Sie wollen arbeiten, produzieren und von ihrer Arbeit leben können.

Und als Obmann der Freiheitlichen Bauernschaft Burgenland sage ich ebenso klar: Die ÖVP kann sich nach Jahrzehnten maßgeblicher Verantwortung für die Agrarpolitik nicht plötzlich als Zuschauer präsentieren und bei jeder Bauernkundgebung so tun, als hätte sie mit der Entwicklung nichts zu tun.

Die Bauern haben lange genug gewartet.

Es braucht keine weiteren Sonntagsreden. Es braucht einen Kurswechsel.

Denn wenn der letzte Familienbetrieb zugesperrt hat, wenn unsere Lebensmittel überwiegend aus dem Ausland kommen und unsere Versorgung von internationalen Märkten abhängig geworden ist, dann ist es zu spät, sich an die Bedeutung der heimischen Landwirtschaft zu erinnern.

Wir Freiheitliche wollen keine Landwirtschaft, die nur noch Landschaft verwaltet. Wir wollen Bauern, die Bauern sein können: selbstständig, leistungsfähig und in der Lage, von ihrer eigenen Arbeit zu leben.

Denn Versorgungssicherheit beginnt nicht im Supermarktregal. Sie beginnt auf unseren Feldern und in unseren Ställen.

Und wer unsere Bauern erhalten will, muss endlich aufhören, sie mit Worten abzuspeisen.

 

 

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